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Seit Jahrtausenden liebenswerte Heimat

Um 5600 v. Chr. wanderten die ersten Bauern ein –
Faszinierende Funde aus allen Epochen

Über Jahrtausende war das Gebiet des heutigen Landkreises Landshut eine der am dichtesten besiedelten Gegenden Mitteleuropas – und ein Brennpunkt der Geschichte. Um 5600 v. Chr. wanderten die ersten Bauern ein, rodeten Siedlungsinseln in die Wälder und gründeten die ersten Dörfer. Aus allen Epochen, die seither ins Land gegangen sind, haben die Forscher großartige Funde geborgen und faszinierende Entdeckungen gemacht: Sie stießen bei Viecht auf einen Sonnen-Tempel aus der Jungsteinzeit, bei Niedererlbach gruben sie das Bernstein-Kollier einer Keltin aus und in Essenbach einen kompletten römischen Ziegelbrennofen; in Gräbern von Bajuwarinnen entdeckten sie wunderbaren Schmuck wie das Goldmedaillon von Altdorf oder das Kreuz von Altheim aus hauchdünnem Goldblech, eines der ältesten Zeugnisse des Christentums in unserer Heimat.

Sie waren über das Donautal vom Balkan herauf gewandert, im Schlepptau hatten sie Rinder, Ziegen und Schweine, in ihrem Handgepäck Saatgut – und in ihren Herzen große Hoffnungen für die Zukunft. Sie sollten nicht enttäuscht werden: Auf den Hochterrassen der Täler der Isar, der Vils, der Laaber und ihrer Nebenflüsse fanden die sogenannten Linienband-Keramiker fruchtbarsten Lössboden. Mit ihnen, den ersten Bauern Europas, begann vor rund 7.500 Jahren die Geschichte des Landkreises Landshut.

Nicht nur professionelle Wissenschaftler erforschen die Frühgeschichte des Landkreises – auch Heimatliebhaber, Autodidakten haben sich hier höchste Verdienste erworben: allen voran der Postbeamte Werner Hübner (Landshut) und der Lehrer Manfred Schötz (Lichtenhaag). Dank ihrer Arbeit zählt der Landkreis heute zu den archäologisch am besten erforschten Gebieten Europas. 

Die Linienband-Keramiker – der Name nimmt Bezug auf die Verzierungen ihrer Tongefäße – verwandelten weite Teile Niederbayerns in blühendes Bauernland und errichteten Bauernhäuser, die bis zu 55 Meter lang waren: Auf die Pfostengruben und andere Spuren dieser Bauernhöfe sind Forscher an vielen Stellen gestoßen, zum Beispiel in Altdorf, Essenbach und Bayerbach bei Ergoldsbach.

Originalboden aus Steinzeit

Der Kulturraum der Linienband-Keramiker (5700 bis 5000 v. Chr.) umfasste halb Europa, von Kiew bis in die Normandie. Aber nur in Altdorf hat sich durch einen glücklichen Zufall der Originalboden eines ihrer Dörfer erhalten: Er lag wie ein offenes Geschichtsbuch vor Forschern vieler Fachrichtungen – von Archäologen bis zu Botanikern, die anhand der Befunde Alltag und Wirtschaftsweise jener Zeit rekonstruieren können. 

In jener Epoche und bis etwa 1200 v. Chr. war das Klima hier zu Lande geprägt durch lange Sommer und milde Winter: Westwinde brachten vom Atlantik warme Regenschauer, die unseren Landkreis erblühen ließen wie einen Garten Eden. Um 4000 v. Chr. herrschten in Niederbayern Temperaturen wie heute am Golf von Neapel. 

In jeder Gemeinde wurden Zeugnisse der florierenden Landwirtschaft der Jungsteinzeit entdeckt – wie Getreide-Vorratsgruben in Langenhettenbach (Markt Ergoldsbach), bei  Pfeffenhausen und in Altdorf, verbrannte Erbsen, die bei Geiselsdorf (Kröning) wieder ans Tageslicht kamen oder Körner der Ur-Getreidesorten Einkorn und Emmer, die in einem Backofen in der Nähe von Vilsbiburg die Jahrtausende überdauert hatten.

2.000 Jahre vor den Pharaonen

Auf der Grundlage einer stabilen (Land-)Wirtschaft erblühte bald auch eine Hochkultur: In der Epoche der Oberlauterbacher Kultur – benannt nach einem Fundort bei Pfeffenhausen – wurde um 4800 v. Chr. bei Viecht ein Sonnen-Tempel errichtet. Sieben solche aus Holz gebaute Rundtempel-Anlagen kennt man aus Niederbayern. Die Tempel der Oberlauterbacher, deren Reste im Erdboden verborgen sind, belegen ein außergewöhnliches astronomisches Wissen der Menschen der Jungsteinzeit. Und sie weisen Parallelen auf zu Anlagen in der Slowakei, Ungarn und in Ostdeutschland – aber auch zur Megalith-Kultur an den Atlantik-Küsten Westeuropas und ihren berühmten Kultstätten von Stonehenge (Südengland) und Carnac (Bretagne).

Europaweite Beziehungen zeichneten den Landkreis von jeher aus: Wie heute führten auch vor Jahrtausenden Fernhandelsstraßen durch das Land im Herzen des Kontinents. Archäologen stießen auf viele Zeugnisse der Handelsbeziehungen wie Spondylus-Muscheln aus der Ägäis (gefunden in Gräbern in Essenbach) oder jene Feuerstein-Dolche von Ergolding und Altheim, deren Rohmaterial aus dem selben Feuerstein-Bergwerk bei Verona stammt, aus dem auch der Gletschermann „Ötzi“ um 3200 v. Chr. diesen „Stahl der Steinzeit“ bezog.

Eiche: 3732 v. Chr. gefällt

Diese Epoche, die Zeit der Altheimer Kultur (3800-3200 v. Chr.), benannt nach einer bei Altheim entdeckten Jungsteinzeit-Festung, war eine kriegerische Ära. Das belegt auch die namengebende Fundstätte: In den Festungsgräben, heute auf freiem Feld gelegen, fanden sich Skelette mehrerer Männer und jede Menge Feuerstein-Pfeilspitzen.

Aus dieser Epoche stammt das älteste, aufs Jahr genaue Datum der Landkreis-Geschichte – festgestellt mit Hilfe der Dendrochronologie, der Altersbestimmung anhand der Wachstumsringe von Bäumen: Im Jahr 3732 v. Chr. wurde eine Eiche gefällt, und zu Bohlen für ein Holzhaus in der Fischergasse von Ergolding verbaut, wo damals eine kleine Auwald-Siedlung stand. Am Galgenberg (Ergolding) wurden Pferdeknochen und Zaumzeug-Teile gefunden aus der Chamer Kultur (3200-2600 v. Chr.) –  es sind die ältesten Hinweise auf die Nutzung von Pferden als Reittiere in Süddeutschland.

Um 2300 v. Chr. begann eine Epoche wirtschaftlicher Blüte, die im Zeichen eines neuen Werkstoffes stand, der Bronze. Aus Hügelgräbern, etwa bei Weixerau, bei Viecht, Pörndorf (Bruckberg) oder Eugenbach, im Vilstal ebenso wie auf den Höhen rund um Rottenburg, haben Forscher großartige Zeugnisse der Kunst einheimischer Bronzeschmiede geborgen.

Revolution und Eroberungen

Die glanzvolle Epoche endete mit Völkerwanderungen und Kriegen. In der End-Bronzezeit, der Urnenfelderzeit (1300-750 v. Chr.) wurden große Fluchtburgen angelegt wie die von Duniwang (Ergolding) oder von Schlossberg (Tiefenbach). Bei Winklsass (Neufahrn) gefundene Reste einer schimmernden Rüstung erinnern an die zeitgleiche Ausrüstung der Helden Homers, die damals, etwa 1200 v. Chr., um Troja kämpften.

Das prächtige Kollier aus rund 500 Bernstein-Perlen, mit dem eine Fürstin der Hallstatt-Zeit (750-450 v. Chr.) in einer Talaue bei Niedererlbach bestattet wurde, zählt zu den wertvollsten frühkeltischen Funden aus dem Landkreis. Die Burg, auf der diese Fürstin einst herrschte, wurde auf den Höhen über dem Tal des Erlbachs ausgegraben.
Um 450 v. Chr. wurde die Burg niedergebrannt – wie ungezählte andere Herrschersitze des Ur-Keltenlandes zwischen Böhmen und der Champagne: Eine politische, soziale und religiöse Revolution fegte die alte Feudalschicht hinweg. Es begann die Latènezeit, die „klassische Ära“ der Kelten, in der sie zu ihren Wanderzügen aufbrachen und viele Länder eroberten, von Anatolien bis Schottland.

Auch Kelten aus dem Landkreis Landshut nahmen an den Eroberungszügen teil, wie sich an weitgehend verlassenen Siedlungen ablesen lässt. Als es wieder ruhiger wurde, fanden die Kelten Zeit, bei Altdorf, bei Aham, Ast, Appersdorf (Tiefenbach) oder Biberg (Hohenthann) Kultplätze zu errichten – ihre berühmten Viereckschanzen.

Autogramme auf Tonscherben

Im Jahr 15 v. Chr. unterwarfen die Römer das Voralpenland. Auf den Trassen uralter Handelswege bauten sie ihre schnurgeraden Heeresstraßen aus, von denen zwei auch das Landkreisgebiet durchzogen – Vorläuferinnen der B 11 sowie der B 15, die die schnellste Verbindung darstellte zwischen dem Regensburger Legionslager und Rom, der Hauptstadt des Imperiums.

In Ergolding und Essenbach haben sich in zwei der vielen Landgüter (Villae rusticae), die die Römer im Landkreis anlegten, auf Tonscherben Autogramme erhalten aus dem zweiten Jahrhundert nach Christus: Die Unterzeichner sind dadurch zu den ersten namentlich bekannten Landkreisbürgern geworden: Attius und Clementianus, Paulus und eine Frau mit dem keltischen Namen Sequana.
 
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(Autor: Elmar Stöttner)