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<<< 1. Seit Jahrtausenden liebenswerte Heimat

Von wegen Fußkranke der Völkerwanderung

Auf der Suche nach der Herkunft der Bayern wurden Forscher
im Landkreis Landshut fündig

„Findelkinder der Völkerwanderung“ hat ein Historiker einmal die Bayern genannt, als man noch über die Herkunft und Entstehung des Bajuwaren-Stammes rätselte. Heute kennt man die Eltern und auch den Paten, der schützend seine Hand hielt über die Wiege des Bajuwaren-Stammes: Es war der Ostgotenkönig Theoderich (450–526), der Angehörige verschiedenster Germanen-Stämme in Altbayern ansiedelte. Die meisten von ihnen waren Flüchtlinge – die zahlenmäßig größte Gruppe stellten im Gebiet unseres Landkreises Alemannen aus dem heutigen Baden-Württemberg und dem Elsass.

Was haben wir Bayern uns nicht alles an Frotzeleien anhören müssen?! Von den Fußkranken der Völkerwanderung sollen wir abstammen: Während Goten und Wandalen sich entschlossen, die große Tour durch Europa zu machen, hätten einige aus der Nachhut ihre wunden Füße in den Voralpenseen gebadet, Gefallen an diesem Land gefunden und seien einfach hockengeblieben, anstatt Weltgeschichte zu machen.

Es war anders: Wie es wirklich war, das hat man erst in den letzten vier Jahrzehnten herausgefunden, auf der Grundlage umfangreicher archäologischer Untersuchungen der Reihengräberfelder, die Bajuwaren zwischen der Oberpfalz und Südtirol hinterlassen haben – im Landkreis Landshut vor allem bei Eching, Viecht, Hofham und Altdorf, bei Essenbach, Altheim, Ergolding, Gerzen und Aham.

In unserem Landkreis, einer Hochburg der Bajuwaren, sind heute gut 20-mal so viele Bajuwarengräber erforscht worden wie vor der Einrichtung der Außenstelle Landshut des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege im Jahr 1973, bilanziert Dr. Bernd Engelhardt. (Die Außenstelle wurde 2008 aufgelöst.)

Fibeln (prächtige Gewandnadeln) aus Altheim, die einst die Übergewänder einer Alemannin und einer Ostgotin zusammenhielten und sie zugleich schmückten oder ein Schwert aus Viecht, mit dem ein Angehöriger des germanischen Stammes der Gepiden kämpfte, und viele andere, rund 1.500 Jahre alte Funde: Sie sind Mosaiksteine, die die Wissenschaftler zu einer faszinierenden Antwort auf jene Frage zusammengesetzt haben, über die sich Generationen von Forschern den Kopf zerbrochen hatten: „Wie ist der Stamm der Bayern entstanden, dessen ungebrochene Staatstradition bis in die Völkerwanderungszeit zurückreicht?“

Hunnensturm über Europa

Die Ursprünge der Bayern kann man nicht verstehen, ohne einen eingehenden Blick zu werfen auf die Umwälzungen in jener Epoche, in der sich Europas Landkarte völlig veränderte – von der Wolga bis Portugal. Man schrieb das Jahr 375 n. Chr., als alles ins Rollen kam: Aus den Tiefen der asiatischen Steppen kommend, überfiel das turktatarische Volk der Hunnen die Ostgoten, die ein mächtiges Reich in der Ukraine errichtet hatten.
Die Goten waren einst, um Christi Geburt, aus ihrer Heimat in Südschweden aufgebrochen, wo Namen wie Göteborg oder Gotland noch heute an sie erinnern. Über Polen und Weißrussland hatten sie sich, Generation für Generation, weiter vorgewagt, wie viele andere Germanenvölker auch.

Europa war seinerzeit scharf geteilt – durch die Nordgrenze des Römerreichs, die vom Rhein gebildet wurde, vom Bodensee, von der Iller und vor allem der Donau, von Ulm bis zur Mündung ins Schwarze Meer. Aber nach dem Einfall der Hunnen war diese Demarkationslinie nicht mehr zu halten.
Etlichen Germanenvölkern oder wenigstens Teilen von ihnen gelang es, der Terrorherrschaft der Hunnen zu entkommen. Manche fanden erst Tausende von Kilometern entfernt eine neue Heimat – wie die einst in Schlesien beheimateten Wandalen, die bis nach Nordafrika gelangten.

Provinz des Ostgotenreiches

Die meisten blieben freilich unter der Knute der Hunnen – wie die Hauptmasse der Ostgoten, die es mit den Hunnen in die ungarische Tiefebene verschlug. Erst nach dem Tod des berühmten Hunnenkönigs Attila gelang es einer Koalition von Germanenstämmen, im Jahr 455 die Steppenreiter zu schlagen und ihre Herrschaft zu brechen.

Von der Halbinsel Krim bis zum Atlantik gab es kein Land, in dem nicht germanische Völker oder wenigstens versprengte Volkssplitter lebten. In jenen Tagen suchte ein König der Ostgoten, deren Gros in Westungarn lebte, möglichst viele Frauen und Männer seines Volkes zu sammeln und ihnen eine Perspektive zu geben: In einem weltpolitisch günstigen Augenblick – das oströmische Reich wollte die Germanen auf dem Balkan loswerden – packten die Goten ihre Habe und machten sich auf zur Eroberung Italiens.

Von 493 bis 526 herrschte der Ostgoten-König Theoderich von Ravenna aus über ein Reich, das vom Rhone-Delta bis zum Plattensee reichte – Altbayern war seine Nordprovinz. Theoderich war der Meinung, dass die Germanen aufhören müssten, immer neue Bruderkriege zu führen. Er schmiedete Bündnisse mit Germanen von Thüringen bis Tunesien – und nahm große Scharen von politischen Flüchtlingen, Germanen aus allen Himmelsrichtungen in seinem Reich auf. Das wussten die Historiker aus alten Schriften – aber erst die Archäologen zeigten, dass Altbayern dabei für Theoderich die zentrale Rolle spielte.

Neue Heimat im Isartal

„Alamannicus“ – dieser Ehrentitel wurde Theoderich gegeben, weil er den Stamm der Alemannen vor der Vernichtung durch ihre Feinde, die Franken, bewahrte und viele ihrer Angehörigen in seinem Reich ansiedelte: zum Beispiel auf den fruchtbaren Fluren zwischen Bruckberg und Weng. Aus den frühesten Bajuwarengräbern im Landkreis Landshut bargen Ausgräber alemannische Trachtbestandteile wie Riemenzungen aus einem Frauengrab aus Altheim: Genau solche Riemenzungen aus derselben Zeit wurden in Kirchheim/Teck (Baden-Württemberg) gefunden.

„Die Germanen der Völkerwanderungszeit wurden in ihrer Festtagstracht beerdigt, das heißt, die Frauen wurden mit ihrem oft wertvollen Schmuck ausgestattet, die Männer mit ihren Waffen und Waffengürteln“, schildert Dr. Bernd Engelhardt die Erforschung der Hinterlassenschaft der ersten Landkreisbürger germanischer Herkunft: „Hinzu kommt, dass jeder germanische Stamm charakteristische Varianten allgemein beliebter Grundformen herstellte“ – dass sich also an den Grabbeigaben die Stammeszugehörigkeit ablesen lässt. Ein Gürtelaufsatz, der einem Frühbajuwaren aus Viecht ins Grab mitgegeben wurde, wies ihn als Gepiden aus, als Mann aus einem Stamm, der zur Zeit Theoderichs in Ostungarn und Siebenbürgen ein mächtiges Reich errichtet hatte.
Die Trachten unterlagen natürlich Moden, die Archäologen minuziös untersucht und dokumentiert haben: „So kann man viele dieser Gräber auf fast ein Jahrzehnt genau datieren.“

Vermächtnis des Gotenkönigs

Im Landkreis und in ganz Altbayern siedelten sich unter der Ägide Theoderichs Ostgoten an, Thüringer aus Mitteldeutschland, und Leute aus mehreren, ursprünglich in Skandinavien ansässigen Stämmen: Rugier (die Insel Rügen trägt ihren Namen), Langobarden (die Lombardei erinnert an sie), Heruler und Skiren. Von wegen „Fußkranke der Völkerwanderung“!

Die Weitgereisten trafen auf Germanen aus Böhmen: Diese hatten noch den Römern als Söldner gedient; ihre Bezeichnung, Baiovarii („Leute aus Böhmen“), wurde nun zum Namen für das ganze neue Volk, zu dem die Germanen mit den alteingesessenen „Welschen“ verschmolzen, der keltisch-romanischen Vorbevölkerung Altbayerns. Gut 40 Jahre hatte die Bündnispolitik Theoderichs den Menschen in seinem Machtbereich Frieden beschert – länger als die meisten Sicherheitssysteme der Geschichte. Diese Ära war die Geburtsstunde der Bayern: Altbayern, Österreich und Südtirol – sie sind das weltgeschichtliche Vermächtnis der Goten.

Anhand der Funde aus den großen Reihengräberfeldern wie jenen von Ergolding, Altheim, Altdorf oder Viecht lässt sich deutlich ablesen, wie sich aus den diversen Schmuckstück-Formen der zahlreichen Germanenstämme unterschiedlichster Herkunft schon sehr bald ein neuer, charakteristisch bajuwarischer Stil entwickelte. Ein beliebtes Schmuck-Element, etwa bei Broschen, blieben Adler-Darstellungen: Es waren die Goten, die dieses Motiv von Reitervölkern übernommen hatten, damals, als sie noch in den weiten Ebenen am Dnjepr zu Hause waren und an den Ufern des Schwarzen Meeres… 

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(Autor: Elmar Stöttner)